Wer bin ich ohne meine Identität?
- Karin Verena Schwab

- 3. Aug.
- 3 Min. Lesezeit

Ich habe mich schon oft gefragt, weshalb Identität für mich so wichtig ist.
Warum muss ich wissen, wer ich bin? Warum muss ich es möglichst genau definieren?
Wenn ich Menschen erreichen, meine Botschaft vermitteln und meine Arbeit sichtbar machen möchte, müsse ich ganz genau wissen, wer ich bin, sagen die Experten.
Doch wer oder was bin ich?
Kann ich das überhaupt wissen?
Und selbst wenn ich es wüsste: Wäre dieses Bild von mir nicht geprägt von alten Erfahrungen, Überzeugungen und Vorstellungen darüber, wie ich sein sollte?
In all den Jahren, in denen ich Menschen begleite, habe ich so viele Menschen gesehen, die eine schwere Last auf ihrem Rücken tragen.
Und sie haben mich immer wieder an mich selbst erinnert.
Auch ich trage noch immer Teile der dunklen Seite meiner Geschichte auf meinen Schultern: alte Verletzungen, fremde und eigene Urteile, Scham, Schuld und all die Überzeugungen, die aus vergangenen Erfahrungen entstanden sind.
Ich muss etwas leisten, um zu genügen.
Ich muss stark sein.
Ich bin dafür verantwortlich, dass es den anderen gut geht.
Am Anfang waren es vielleicht die Worte anderer. Oder Erfahrungen, für die es noch keine Worte gab. Doch irgendwann geschieht etwas Entscheidendes.
Wir sagen nicht mehr nur: Das ist mir geschehen.
Wir beginnen zu glauben: Das bin ich.
So wird aus einer Erfahrung eine Prägung. Aus der Prägung entsteht eine Geschichte über uns selbst. Und aus dieser Geschichte wird allmählich eine Identität.
Wir tragen die Last nicht mehr nur. Wir erkennen uns in ihr.
Das ist der Grund, weshalb wir sie nicht einfach ablegen können: Sie gibt uns eine vertraute Antwort auf die Frage, wer wir sind.
Dazu kommt mir das Bild von Atlas in den Sinn.
In der griechischen Mythologie trägt er das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern. In späteren Darstellungen wurde daraus die Weltkugel. Eine gewaltige Last, auferlegt für die Ewigkeit.
Für einen kurzen Moment nahm Herakles sie ihm ab. Atlas war frei. Doch als Herakles ihm die Last durch eine List zurückgab, nahm Atlas sie wieder auf.
Vielleicht ist es bei uns ähnlich. Wir stehen unter einer Last, an deren Ursprung wir uns manchmal kaum noch erinnern. Sie ist uns so vertraut geworden, dass wir glauben, sie gehöre zu uns. Mehr noch: Wir definieren uns über sie.
Ich bin die, die leistet.
Ich bin die, die stark ist.
Ich bin die, die für alle sorgt.
Die Last wird zu unserer Identität.
Und je länger wir sie tragen, desto schwerer wird es, uns vorzustellen, wer wir ohne sie wären.
Vielleicht liegt die eigentliche Angst vor dem Loslassen deshalb nicht nur darin, etwas Vertrautes zu verlieren, sondern auch in der Befürchtung, ohne unsere Geschichten und Rollen niemand mehr zu sein.
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr leisten muss, um zu genügen?
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die Starke bin?
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr dafür verantwortlich bin, dass es allen anderen gut geht?
Lange dachte ich, ich müsse darauf eine neue, klare Antwort finden. Heute frage ich mich, ob genau das nicht wieder der Versuch wäre, mich festzulegen.
Ich verstehe heute, dass wir nicht das sind, was wir getragen haben. Unsere Geschichte hat uns geprägt. Aber sie muss nicht bestimmen, wer wir sind.
Und wir müssen unsere alte Identität auch nicht durch eine andere ersetzen.
Wir dürfen die Last zunächst für einen Moment ablegen. Uns aufrichten. Und aushalten, dass wir noch nicht wissen, wer wir ohne sie sind.
Ohne uns sofort eine neue Geschichte über uns zu erzählen.
In der Stille können wir entdecken, was in uns zum Vorschein kommt, wenn die alten Geschichten leiser werden.
Jenseits unserer Rollen und der Erwartungen, die wir erfüllt haben.
Bis allmählich das in uns zu tragen beginnt, was schon da war, bevor wir uns über Leistung, Verantwortung und Durchhalten definierten.
Freiheit beginnt dort, wo wir nicht mehr beweisen müssen, dass wir es wert sind, da zu sein.


