Was, wenn unser Widerstand das verstärkt, was wir ablehnen?

Aus aktuellem Anlass beschäftigt mich etwas.
Ich sehe momentan viele Menschen, die starken Widerstand gegen die AfD haben. Ich verstehe, woher Angst, Wut oder Ablehnung kommen können.
Und trotzdem beschäftigt mich eine andere Frage:
Was geschieht eigentlich, wenn wir anfangen, genau das zu bekämpfen, was wir auf keinen Fall haben wollen?
Vielleicht sehe ich manches als Schweizerin etwas anders. Ich bin mit einem politischen System aufgewachsen, in dem wir durch Initiativen und Referenden auch zwischen Wahlen immer wieder direkt Einfluss nehmen können. Unterschiedliche politische Lager müssen deshalb immer wieder miteinander Lösungen finden.
Natürlich ist auch unser System alles andere als perfekt.
Aber eines ist für mich wesentlich:
Demokratie lebt nicht davon, dass wir einer Meinung sind. Sie lebt davon, dass wir mit Verschiedenheit umgehen können.
Und genau hier beginnt für mich ein interessanter Kreislauf.
Wenn ich gegen einen Menschen drücke, entsteht Gegendruck. Es ist wie beim körperlichen Schubsen:
Ich drücke gegen dich und du stemmst dich dagegen. Je stärker ich drücke, desto stärker musst du dich stabilisieren und dagegenhalten. Und vielleicht schubst du irgendwann zurück.
Psychologisch geschieht etwas Ähnliches.
Wenn wir Menschen beschämen, diffamieren, ausgrenzen oder ihnen vermitteln: Du und deine Meinung dürften eigentlich gar nicht existieren, verschwinden ihre Überzeugungen dadurch nicht.
Im Gegenteil.
Menschen verteidigen sich. Sie rücken zusammen. Sie suchen die Nähe zu Menschen, die ähnlich denken. Und möglicherweise identifizieren sie sich dadurch noch stärker mit ihrer Position.
Und dann geschieht etwas Paradoxes:
Wir stärken durch unseren Kampf womöglich genau das, was wir eigentlich schwächen wollen.
Wenn das so ist, lohnt es sich vielleicht, den Blick zu verändern.
Nicht sofort zu fragen, wie wir etwas verhindern oder bekämpfen können. Sondern zunächst neugierig zu werden:
Was bewegt Menschen dazu, sich für diese Partei zu entscheiden?
Welche Erfahrungen, Sorgen, Hoffnungen oder Enttäuschungen spielen dabei eine Rolle?
Wo fühlen sie sich verstanden oder vielleicht gerade nicht mehr verstanden?
Welche Antworten finden sie dort, die sie anderswo offenbar nicht finden?
So beginnen wir überhaupt zu verstehen, was Menschen bewegt. Und genau das ist für mich ein wesentlicher Teil von Demokratie: unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten, sie ernst zu nehmen und dort klare Grenzen zu ziehen, wo unser Rechtsstaat sie zieht.
Verstehen bedeutet dabei nicht gutheissen.
Ich kann eine Position klar ablehnen und trotzdem verstehen wollen, wie ein Mensch zu ihr gekommen ist. Ich kann Grenzen setzen, ohne den Menschen dahinter zum Feind zu machen.
Und selbstverständlich bedeutet das nicht, menschenverachtende Aussagen, Gesetzesverstösse oder antidemokratisches Verhalten hinzunehmen. Ein Rechtsstaat braucht klare Grenzen und muss sie auch durchsetzen.
Aber zwischen Grenzen setzen und Menschen bekämpfen liegt für mich ein grosser Unterschied.
Und dabei geht es nicht nur um Politik. Dieses Prinzip begegnet uns überall.
In Partnerschaften. In Familien. In Unternehmen. In Freundschaften. Und auch in unserem Umgang mit uns selbst.
Wenn ich meinen Partner beschimpfe, weil er anders denkt oder handelt, geht er höchstwahrscheinlich in Verteidigung oder schlägt seinerseits zurück.
Wenn ich einem Mitarbeitenden das Gefühl gebe, er sei das Problem, wird er sich vermutlich rechtfertigen oder resignieren, statt offen hinzuschauen und aus einem Fehler zu lernen.
Und wenn ich mit einem Teil von mir selbst im Widerstand bin – mit meiner Angst, meiner Unsicherheit, meiner Wut oder einem Fehler, den ich gemacht habe – entsteht auch in mir ein Kampf.
Widerstand erzeugt mehr Widerstand. Druck erzeugt Gegendruck.
Deshalb glaube ich, dass uns die Frage Wie bekomme ich das weg? nicht weiterbringt.
Viel wichtiger ist für mich: Was ist hier eigentlich los?
Was hat dazu geführt? Was möchte verstanden werden? Was liegt unter dem Verhalten, unter der Wut, unter dem Widerstand? Und was wird dabei in mir selbst berührt?
Das bedeutet nicht, alles zu akzeptieren oder keine Grenzen mehr zu setzen.
Es bedeutet für mich vielmehr, aufzuhören, den anderen oder uns selbst zum Feind zu machen. Denn der Kampf gegen jemanden oder etwas verändert auch uns.
Wenn ich beim anderen Intoleranz, Ausgrenzung und Feindbilder verurteile und irgendwann selbst beginne, Menschen pauschal abzuwerten, auszugrenzen und nicht mehr mit ihnen sprechen zu wollen, lohnt sich für mich eine unbequeme Frage:
Was geschieht gerade mit mir?
Und auch hier möchte ich nicht in die nächste Falle geraten und uns dafür verurteilen, dass wir Widerstand empfinden. Widerstand ist menschlich.
Wenn uns etwas Angst macht, verletzt, wütend macht oder unseren Werten widerspricht, reagieren wir darauf. Und manchmal zeigt uns diese Reaktion sogar, dass ein wichtiger Wert oder eine Grenze berührt wurde.
Aber eine Emotion ist für mich ein Signal – kein Auftrag.
Wir müssen ihr nicht automatisch folgen.
Wir können wahrnehmen, was sie uns zeigt, hinschauen, was genau uns getroffen hat, und erst dann entscheiden, wie wir reagieren wollen. Nicht aus dem ersten Reflex heraus. Sondern bewusst.
Denn wenn wir uns einfach von Wut, Angst oder Verletzung antreiben lassen, beginnt schnell wieder derselbe Kreislauf:
Wir greifen an. Der andere verteidigt sich. Wir fühlen uns darin bestätigt und greifen noch stärker an. Oder wir tragen Ablehnung, Ärger und Hass weiter mit uns herum und vergiften damit irgendwann auch unser eigenes Erleben.
Und sobald wir das erkennen, müssen wir nicht den nächsten Kampf beginnen und nun uns selbst dafür verurteilen. Denn sonst verschwindet irgendwann der Raum dazwischen.
Der Raum für Fragen. Für Zuhören. Für Widerspruch. Für Differenzierung. Für Lösungen.
Dann gibt es nur noch:
Wir gegen die. Gut gegen böse. Richtig gegen falsch.
Vielleicht entsteht Veränderung eher dort, wo wir neugierig genug werden, hinter das zu schauen, was wir zunächst nur ablehnen. Wo wir verstehen wollen, ohne alles gutzuheissen. Wo wir klare Grenzen setzen können, ohne den anderen abzuwerten.
Und wo wir uns fragen:
Was hat dazu geführt? Was bewegt den anderen? Was bewegt mich? Was übersehe ich vielleicht? Und wie können wir einen Weg finden, ohne uns gegenseitig besiegen zu müssen?
Das gilt für Politik. Und genauso für unser ganz persönliches Leben.
Widerstand gehört dazu. Wut gehört dazu. Angst gehört dazu.
Wir müssen diese Gefühle nicht bekämpfen. Aber wir müssen ihnen auch nicht blind folgen.
Wir können wahrnehmen, was sie uns zeigen, und uns bewusst entscheiden, wie wir damit umgehen.
Denn Frieden entsteht für mich nicht dort, wo ich mit aller Kraft gegen das kämpfe, was ich für falsch halte. Er beginnt oft dort, wo einer aufhört, zurückzuschubsen.



