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Wir dürfen Probleme haben, aber wir sind nicht unsere Probleme


Kürzlich habe ich eine alte Freundin nach langer Zeit wieder getroffen.

Wie man es so tut, habe ich gefragt: «Wie geht es dir?»

Und wie man es ebenso oft tut, antwortete sie: «Gut.»

 

Kennst du diesen Moment, in dem du diese Antwort hörst und weisst, dass sie nicht stimmt?

Genau so ein Moment war das.

 

Natürlich sage ich selbst auch oft «gut», selbst wenn es Themen gibt, die man problemlos als Gegenbeweis anführen könnte. Manchmal empfinde ich das nicht als schlimm. Manchmal will ich einfach nicht darüber sprechen. Bei meiner Freundin war es anders. Die Probleme waren spürbar. Präsenter als jedes Wort. Ich hätte noch so taub sein können – es war kaum zu übersehen.

 

Und weil sie wusste, dass ich wusste, entstand eine lange, viel zu lange Pause.

Bis sie diese Stille trotzig füllte mit dem Satz:

 

«Na gut, dann habe ich halt Probleme, aber deswegen bin ich doch kein schlechter Mensch.»

Nein. Natürlich nicht!


Wir sprachen noch lange. Offen, ehrlich, berührend. Am Ende bedankte sie sich bei mir. Es war ein gutes, ein nährendes Gespräch.

Aber mir geht es hier um etwas anderes.

 


Unser eigentliches Dilemma

In diesem Gespräch wurde mir etwas sehr Grundsätzliches bewusst:

Wie schwer es uns fällt, zuzugeben, dass wir Probleme haben.

 

Gerade gegenüber Menschen, die wir lange nicht gesehen haben.

Gerade dann, wenn wir gefallen wollen.

Gerade dann, wenn wir glauben, ein bestimmtes Bild von uns aufrechterhalten zu müssen.

Und vielleicht auch gerade gegenüber uns selbst.

 

Also sagen wir «gut».

Und hoffen, dass niemand genauer hinschaut.

 

Damit machen wir uns nicht nur das Leben schwer,

wir verhindern auch, dass sich wirklich etwas verändern kann.

 

Denn solange wir uns selbst und anderen vorspielen, dass alles in Ordnung ist,

können wir nichts klären, nichts bewegenund nichts integrieren.

 


Zwei Extreme und beide sind Sackgassen

Was mir dabei wichtig ist:

Es geht nicht darum, sich ständig zu sagen, dass man Probleme hat.

 

Wir kennen beide Seiten:


Die einen verdrängen alles.

Sie reden sich ein, dass schon alles passt, bleiben stark, funktionieren weiter und wundern sich irgendwann, warum der Körper, die Beziehungen oder die Lebensfreude nicht mehr mitmachen.

 

Die anderen machen alles zum Problem.

Jeder innere Widerstand, jede Emotion, jede Herausforderung wird analysiert, zerpflückt und immer wieder erzählt, bis man unmerklich im Opfermodus stecken bleibt.

 

Beides führt nicht zur Lösung von Problemen.

 

Der entscheidende Unterschied: wahrnehmen statt verstricken

Ein bewusster Umgang mit Problemen bedeutet nicht,

  • sie zu leugnen

  • sie aufzublasen

  • oder sich mit ihnen zu identifizieren

sondern:

 

Probleme wahrnehmen, ohne sich selbst darin zu verlieren.

Ein Problem ist ein Signal. Nicht mehr. Nicht weniger.

 

Es zeigt: Hier will etwas gesehen werden.

Nicht: Ich bin falsch.

Nicht: Ich bin gescheitert.

 


Drei innere Haltungen, die Balance schaffen

1. Ehrlichkeit ohne Drama

Sag innerlich die Wahrheit – ruhig, nüchtern, klar.

Nicht: «Mein Leben ist ein einziges Chaos»,

sondern: «Hier gibt es gerade ein Thema, das Aufmerksamkeit braucht.»

Das ist kein Opferbewusstsein.

Das ist Selbstführung.

 

2. Trennung von Identität und Erfahrung

Du bist nicht dein Problem.

Du erlebst etwas Schwieriges.

Diese Unterscheidung ist zentral.

Sie gibt dir Würde, Abstand und Handlungsspielraum.

 

3. Verantwortung statt Selbstverurteilung

Bewusstsein heisst nicht, alles allein lösen zu müssen.

Aber es heisst, Verantwortung für den nächsten stimmigen Schritt zu übernehmen.

Manchmal ist das ein Gespräch.

Manchmal ein Innehalten.

Manchmal Unterstützung.

Manchmal einfach Geduld.



Ein anderer Blick auf Probleme

Vielleicht liegt der entscheidende Perspektivwechsel genau hier:

Probleme sind nicht da, um uns kleinzuhalten.

Sie sind auch nicht da, um uns dauerhaft zu beschäftigen.

Sie sind da, um Entwicklung möglich zu machen.

 

Probleme sind kein Zeichen, dass etwas falsch läuft,

sondern oft ein Hinweis, dass Entwicklung ansteht.

 

Ein Problem zeigt oft sehr präzise, wo etwas nicht mehr stimmig ist, wo ein innerer Schritt ansteht, wo wir eingeladen sind, bewusster zu werden.


Wenn wir aufhören, Probleme zu vermeiden oder zu dramatisieren,

entsteht Raum für eine andere Frage:

Wenn mich dieses Problem wachsen lassen will, worin besteht dieses Wachstum?

 

Geht es um

  • eine Grenze, die ich lernen darf zu setzen?

  • eine Wahrheit, die ich mir eingestehen sollte?

  • Verantwortung, die ich bisher abgegeben habe?

  • einen alten Glaubenssatz, der nicht mehr trägt?

 

In diesem Innehalten verschiebt sich etwas Wesentliches.

Das Problem ist nicht mehr der Feind.

Es wird zum Hinweisgeber.

 

Nicht jede Antwort zeigt sich sofort.

Manche Probleme brauchen Zeit, Präsenz und Geduld.

Doch allein die Bereitschaft, sie als Entwicklungsimpuls zu betrachten,

verändert bereits unsere innere Haltung.

 

Und vielleicht ist genau das der Punkt:

Probleme verschwinden nicht, weil wir sie wegdrücken oder aufbauschen.

Sie verändern sich, wenn wir bereit sind, an ihnen zu wachsen.

 
 
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